Die perfekten Kinder


Perfekt

Wir haben die perfekten Kinder gemacht.
Einen Jungen und ein Mädchen.
Sie kamen schon perfekt zur Welt. Mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht wurden sie mir in den Arm gelegt,
in ein weißes Tuch gehüllt.
Geschrieen haben sie nur, wenn man ihnen wehtat, körperliche Gewalt, da hatten wir uns bereits vor der Geburt geeinigt,
kam für uns beide nur in Ausnahmefällen in Frage. Wir wollten schließlich gute Eltern sein.
Aber diese Kinder waren seltsam.
Sie wollten nicht einmal Süßigkeiten im Supermarkt. Absichtlich stellte ich mich immer an der längsten Schlange an,
schmiss die bunten Schachteln und Päckchen aus dem Regal und wartete. Artig hoben sie die Packungen auf
und legten sie zurück, das Mädchen zupfte sein rosa Kleidchen zurecht, der Junge hielt ihre Hand, und dann sangen sie ein Lied.
Mittags wollten sie meistens Gemüse essen. Und zum Nachtisch Obst.
Danach machten sie Mittagsschlaf.
Schon oft dachte ich sie wären tot, mit einem Lächeln im Gesicht eingeschlafen, in ihren rosafarbenen und hellblauen Kleidern.
Unsere Kinder lächelten immer, egal, was wir versuchten.
Am Anfang dachten wir noch, das sei normal.
Es waren ja unsere ersten Kinder, wir hatten keinen Vergleich.
Dann fingen sie an, uns zu langweilen.
Sie sind gut in der Schule. Sie sehen toll aus. Sie sind intelligent, sportlich, nett, freundlich, hilfsbereit, weltoffen und sympathisch.
So sympathisch.
„Unsere kleinen Sonnenscheine“, sagt mein Mann in der Öffentlichkeit. Der Junge und das Mädchen lächeln dann,
zeigen ihre makellosen Zähne. Und mein Mann macht hinter ihren Rücken Zeichen, die sagen mir: „Ich kotz gleich!“
Am Anfang hatten wir noch Hoffnung. „Das wächst sich raus“, hatte mein Mann gesagt, „Spätestens, wenn die pubertieren,
wird’s lustig.“
Wir warteten. Jahre.
Beobachteten die anderen Eltern, voller Neid, die ihre schreienden Kinder an den Haaren hinter sich herzogen,
Eltern, die vor Verzweiflung weinten, weil ihr Kind sie getreten hatte, die diskutierten und brüllten und fluchten.
Wir machten lange Spaziergänge durch die Hamburger Ghettos, besuchten Heime für schwer erziehbare Jugendliche und holten uns Erziehungstipps von den Alkoholikern aus der Eckkneipe.
Wir gingen ständig zu Mc Donalds aber die Kinder wurden noch nicht einmal fett.
Irgendwann sahen wir ein, dass wir uns mit unseren perfekten Kindern arrangieren mussten.
Wir haben schließlich eine Verantwortung zu tragen.
Wir warten, bis sie zur Schule müssen. „Wir haben euch lieb!“, rufen wir morgens hinter ihnen her und winken.
„Wir haben euch auch lieb, Mutti und Vati!“, trällern sie wie aus einem Mund über den Rasen, der Junge und das Mädchen,
und dann sind sie weg.
„Mutti und Vati!“, sagt mein Mann, „die haben doch den Arsch offen!“
Dann machen wir das Haus unperfekt. Wir machen Unordnung, Chaos, wir ziehen uns nackt aus und werfen die Kissen vom Sofa,
wir springen und hüpfen auf ihm, bis die Federn krachen, wir gucken Talk-Shows, koksen und saufen Bier aus Dosen,
rülpsen und furzen und rauchen drei Joints gleichzeitig. Wir hören Teenie-Mucke und schwingen unsere Hüften, tanzen,
nur mit einem Kopftuch bekleidet, durchs Haus. Dann streiten wir uns, weil er das letzte Bier getrunken hat, ich nenne ihn einen Hurensohn und er holt aus, haut mir mit der Faust ins Gesicht, ich schreie: „Du Drecksack, du widerlicher, das kriegst du zurück!“,
und werfe unsere wertvolle Vase nach ihm, treffe aber nur das Foto von den Kindern an der Wand.
Später haben wir Sex in ihren Zimmern, und danach liegen wir auf dem rosa Teppich vom Mädchen und lesen ihre Tagebücher.
„Liebes Tagebuch“, liest mein Mann vor, und ich muss immer schon am Anfang lachen und pruste die Chips auf den Teppich,
„Heute war ein schöner Tag.“ Die Einträge vom Mädchen fangen immer so an, der Junge schreibt für gewöhnlich:
„Ein schöner Tag neigt sich dem Ende zu.“ Und dann der übliche Scheiß. „Habe eine Eins in Mathe geschrieben.
Der oder die ist noch immer in mich verliebt, aber ich habe versucht, das diplomatisch zu lösen. Meine Lehrerin hat mich gelobt.“
Irgendwann schlafen wir ein. Die Kinder kommen erst spät. Sie haben viele Termine.
„Scheiße!“, ruft mein Mann plötzlich, „Wir haben verpennt!“
Ich habe Kopfweh und ne dicke Lippe, liege nackt auf dem rosa Teppich, das Tagebuch vom Mädchen auf dem Bauch,
und kann mich nicht bewegen. Mein Mann fängt hektisch an, das Chaos zu beseitigen, stopft das Tagebuch unter die Matratze,
sammelt die Chipskrümel auf, noch immer nackt. Sieht lustig aus von hier unten.
„Los, hilf mir!“, ruft er, wirft mir ein pinkfarbenes Taschentuch zu und sagt: „Und wisch dir das Blut aus dem Gesicht.“
Wir nehmen Aspirin und überlegen uns Ausreden, „Nee“, sagt mein Mann, „das gönn ich den Spießern nicht, da wollen wir doch mal sehen, wer hier perfekter ist von uns.“
Ich habe also die Vase fallen lassen, auf meinen Fuß, und vor Schreck und Schmerz bin ich gegen das Foto gelaufen, an der Wand.
Die Kinder glauben uns.
Wir sind die perfekten Eltern. Und sie die perfekten Kinder.
Die Welt ist heil und schön, wir sind die perfekte Familie, Mutti, Vati, der Junge und das Mädchen,
und wir haben uns alle furchtbar lieb.



















                             

zurück zur Textauswahl