Unsere 16-jährige Tochter Clara Cordula wollte Pop-Star werden.
Alles begann, als eines Abends seltsame Geräusche aus Clara Cordulas Zimmer kamen.
„N soo ei came to see him n listen for a whiheiheiheiheil.“
“Musik”, flüsterte ich, “ich glaube, sie versucht zu singen.”
„Das hört sich an wie die letzten Worte meiner Großmutter“, sagte Jan-Hendrik, „aber die schrie nach mehr Morphium.“
„Killin me softly wiss his song tellin my hohl life wiss his words, Killin me sooftlyy!”

Am nächsten Tag sagte Clara Cordula, so ganz nebenbei:
„Übrigens, ich werde Popstar.“
Es wurde schlagartig ruhig am Tisch.
„Wie bitte?“, fragte Jan-Hendrik.
„Popstar“, sagte Clara Cordula, „Es gibt jetzt wieder Castings, die wollen ne neue Band zusammenstellen, wie die No Angels, ihr wisst schon.“
Jan-Hendrik und ich sahen uns an.
Plötzlich war alles anders.
Wir waren die Eltern von einem dieser Kinder, die sich in einer Casting-Show blamieren und bei denen man sich fragt, warum die Eltern und Freunde dieser bemitleidenswerten Kreatur vorher nichts dagegen getan haben, warum sie sie nicht aufgehalten und an diesem Auftritt gehindert haben, warum sie ihnen nicht gesagt haben, dass sie nicht singen können, und am Ende war meine Lösung immer die gewesen, dass sie gar keine Freunde haben, und womöglich auch keine Eltern, dass sie arme Heimkinder sind, die versuchen, ihr übersteigertes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit in einer Castingshow zu befriedigen, in der sie nach Liebe und Freunden suchen und nur Häme und Worte der Verachtung finden.
Aber ich hatte mich wohl getäuscht.
Diese Kinder sind mitten unter uns.
„Aber du kannst doch überhaupt nicht singen“, sagte ich hilflos.
„Macht nichts“, sagte Clara Cordula, „ich übe. Außerdem suchen die Talente und keine fertigen Sänger.“
„Aber du bist kein Talent“, sagte ich.
„Das“, sagte Clara Cordula selbstsicher, „sollen immer noch die beim Casting beurteilen.“
Ich versuchte, unseren letzten Trumpf auszuspielen:
„Claramaus“, sagte ich so sanft ich konnte, „mit deinem Namen kannst du nicht Popstar werden.“ Sie sah mich wütend an. „Hätten wir gewollt, dass du Popstar wirst, hätten wir dich Angel Eve oder Jenny Cheyenne oder so genannt. Aber Clara Cordula, entschuldige mal, der Name ist so uncool, damit kannst du nur studieren.“
Clara Cordula sprang auf. Sie wusste, dass ich Recht hatte, schon in der Grundschule war sie wegen ihres Namens geärgert worden.
„Und warum habt ihr mir überhaupt diesen Scheißnamen gegeben, hä?“
„Weil wir nicht wollten, dass du Popstar wirst“, sagte ich ruhig.
Clara Cordula zischte: „Ich hasse euch!“ und stampfte in ihr Zimmer. Jan-Hendrik sah unglücklich aus.
„Alles ist gut“, sagte ich, und nahm seine Hand, „Ich habe mal gehört, wenn Jugendliche „Ich hasse euch“ sagen, dann weiß man, dass man alles richtig gemacht hat.“

Am nächsten Morgen sah Clara Cordula fröhlicher aus, als ich erwartet hatte.
„Ab heute“, sagte sie entschlossen, „dürft ihr mich C. C. nennen!“
Selbstverständlich haben wir das ignoriert. Ihre täglichen Übungsstunden zu ignorieren war dagegen wesentlich schwieriger.
Wir mussten zu härteren Mitteln greifen.
„Dein Leuchtturm steht nun anderswo, und nicht mehr hier bei mir“, sang ich, so laut ich konnte. Jan-Hendrik setzte ein: „Drum halt mich fest und sage mir, was ist der Wunsch von Dir?“ Und schließlich zusammen: „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden und eine Hand die deine hält, ich wünsch dir Liebe ohne Leiden, und dass dir nie die Hoffnung“ - „Was macht ihr da?“, rief Clara Cordula, die plötzlich im Türrahmen stand.
„Wir üben für Popstars“, sagte Jan-Hendrik.
„Ihr macht was? Spinnt ihr?“, fragte sie ungläubig, und musterte unsere neonfarbenen Schlaghosen.
„Wir wollen auch Popstars werden“, erklärte ich ihr, „wenn du mitmachst, dann machen wir auch mit, ist das ein Problem?“
„Ob das Problem ist? Seid ihr blöde? Das ist voll peinlich! Meine Eltern in Hippie-Kostümen singen Schlager bei Popstars, oder was? Nee, das geht ja gar nicht!“ Sie lief aufgebracht im Zimmer hin und her.
„Doch“, sagte ich, „und wir haben sogar eine Choreographie einstudiert, guck!“ Ich warf mein Bein hoch und streckte den Hintern in die Luft. Jan-Hendrik machte es mir nach.
„Nein!“, schrie Clara Cordula, „ich will das nicht sehen! Ich will nicht die Tochter von solchen peinlichen, alten Säcken sein, die sich mit hässlichen Klamotten und peinlichen Songs in einer Casting-Show blamieren! Niemals! Vorher sterbe ich!“
Wir guckten betroffen. Peinliche, alte Säcke war hart.
„Dann willst du nicht mehr Popstar werden?“, fragte Jan-Hendrik.
„Nein“, sagte Clara Cordula, „schon gut, ihr habt gewonnen.“

Mittlerweile ist der Vorfall einige Wochen her.
Jan-Hendrik redet immer noch davon, dass wir es „ganz bestimmt in den Recall geschafft“ hätten.
Und Clara Cordula will jetzt zur Bundeswehr.
Clara Cordula
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