Ich bin verliebt in den Karstadt-Kaufhausdetektiv. Seit zwei Wochen verbringe ich meine gesamte Freizeit zwischen Shampoo, Schokolade und Socken.

Ich weiß, dass er der Kaufhausdetektiv ist, weil er der schlechteste seiner Sorte ist, den ich je gesehen habe. Es mag auch an seiner Größe liegen, er ist an die zwei Meter groß und damit gut vierzig Zentimeter höher als die Warenregale, aber er ist mit seinem, speziell für Karstadt maßgeschneiderten, Kaufhausdetektiv-Sakko und seiner dunklen Sonnenbrille, gerade im Winter, auch noch verdammt schlecht getarnt. Außerdem ist er immer da, er wartet auf mich zwischen den Regalen und guckt sich, unauffällig natürlich, Wimperntusche an. Manchmal schiebt er sie vor, um sie dann wieder zurück zu schieben. Damit ich denke, er würde aufräumen, oder so.

Ich habe ihn das erste Mal gesehen, als ich mich bei Karstadt gelangweilt habe.
Ich mache das manchmal, wenn ich nichts besseres zu tun habe, zur Entspannung. Ich gucke mir die Sachen an, für die ich kein Geld habe und überlege, ob ich sie kaufen würde, wenn ich Geld hätte. Oder ich freue mich über die Plakate, die sich die Marketing-Abteilung ausdenkt. So wie heute: „Karstadt wünscht allen Kunden und ihren Angehörigen ein frohes neues Jahr“.
Ich fühle mich dann sehr wohl. Und willkommen. Ich bin ja sozusagen Angehörige.

Ich schlenderte also durch die Regale und probierte verschiedene Düfte, ich stank schon wie eine Douglas-Mitarbeiterin, als ich merkte, dass er mich beobachtete. Ich merkte es daran, dass er direkt hinter mir stand und mich, unauffällig, anstarrte. Ich drehte mich um. Dann war ich verliebt. So einfach ist das manchmal mit dem Verlieben.
Der Rest ist nicht so einfach, das mit dem Ansprechen, hey du, und Kaffee trinken.

Aber für heute legte ich mir einen Plan zurecht. Ich will nicht klauen, das ist verboten und ich hab Angst davor, außerdem würde ihn so etwas bestimmt nicht beeindrucken. Also gehe ich mutig in die Kosmetik-Abteilung und nehme diesen Sicherheitsmagneten aus einer teuren Creme. Ich lege ihn auf meine Zunge, sammle Spucke, kneife die Augen zu und esse ihn. Also schlucke ihn herunter, natürlich ohne zu kauen.
Dann gehe ich durch dieses Tor mit den roten Lampen. Sie fangen sofort an zu leuchten und ganz Karstadt piept. Ich werde rot, weil mich alle ansehen, obwohl ich ja gar nichts Verbotenes getan habe. Oder ist Magnetstreifenessen etwa auch illegal?
Und dann kommt er auch schon angerannt. Also unauffällig angerannt, das sieht lustig aus, ein bisschen wie die Geher, die man manchmal im Fernseher sieht, und ich finde ihn schon gar nicht mehr ganz so attraktiv.

„Kommen sie bitte mal mit“, sagt er sehr ernst.
„Gerne“, sage ich, und lächle ihn an.

Er zieht mich an meinem Arm in seinen Ladendiebüberführungsraum. Ich soll meine Taschen ausleeren. Er findet natürlich nichts.
„Sie können mich ja durchsuchen“, schlage ich vor.
„Das darf ich nicht!“, sagt er sehr schroff.
Ich bin gekränkt. Ich habe mir das anders vorgestellt. Und ihn netter.
Ich bin nicht mehr verliebt.

Ich erkläre ihm dann die ganze Sache. Na ja, das mit dem Verliebtsein lasse ich aus, ist ja jetzt auch Schnee von gestern.
Und natürlich erzähle ich auch nicht, dass ich den Magnetstreifen absichtlich gegessen habe.

„Das war ein Versehen“, sage ich, „ich weiß auch nicht, zack war er weg.“

Er hält mich zwar für verrückt, aber er glaubt mir und ruft nicht die Polizei.

Und ich habe jetzt beschlossen, mich ab sofort nur noch in dem anderen Karstadt, in der Innenstadt, zu langweilen.
Karstadt piept
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