Wir sitzen vor dem Fernseher. Wie jeden Abend. Wir sehen Tinis Lieblingssendung Frauentausch, in der Familien für einige Tage ihre Mütter tauschen.
Ich langweile mich und schiele zu Muschi rüber. Muschi sitzt direkt neben mir, er ist ein riesiger, einäugiger Plüschtiger vom Hamburger Dom, schon über 16 Jahre alt und Tinis Lieblingsplüschtier. Wenn ich mich bewege wackelt er, und wenn ich aufstehe, fällt er um. Dann kippt er kopfüber vom Sofa. Deswegen darf ich mich nicht bewegen. Tini weint dann. Und spricht von gegenseitiger Rücksichtnahme, Trennung. Neben Muschi sitzt Bärli, daneben sitzen Fischli, Kröti, Hasi, Bambi und schließlich Tini. Wir sitzen immer so.
„Am besten wir beiden Großen nach außen, damit sie sich geborgen fühlen.“, hatte sie mir an unserem ersten gemeinsamen Fernsehabend erklärt, über Muschis Kopf gestreichelt und ihm einen Kuss auf die Stirn gegeben. „Du darfst neben ihm sitzen, wenn du gut auf ihn aufpasst.“, hatte sie angeboten, und ich hatte das lustig gefunden und irgendwie niedlich.
Damals war ich verliebt. Ich glaubte an unsere Liebe, an Veränderung, gegenseitige, und ich wusste noch nicht, was es für ein Vertrauensbeweis war, neben Muschi sitzen zu dürfen. Ich ahnte noch nichts von Tinis Muschitrauma, verursacht von ihrem großen Bruder Michael. Es fällt ihr noch heute schwer, die Geschichte zu erzählen, deswegen kenne ich sie nur bruchstückhaft. Verstanden habe ich, dass Tini damals 17 Jahre alt war, ihr Bruder Michael ein grober und gemeiner Klotz sein muss und sie seither keinen Kontakt mehr haben, obwohl er ihr immer wieder Briefe schreibt. Und Muschi hat damals sein Auge und ein Bein verloren. Das Bein hat sie wieder angenäht. Das Auge hatte Michael heruntergeschluckt, Tini hat dann auf das Annähen verzichtet.


„Martin.“, sagt Tini.

Sie nennt mich immer Martin. Obwohl ich eigentlich Lars heiße. Aber der Name gefiel ihr nicht. „Oh Gott, nee, Lars!“, hat sie gesagt. „Ich hatte mir geschworen, nie wieder einen Lars zu küssen. Der letzte hat mich oft geschlagen.“ Ich habe das zunächst nicht so ernst genommen, „Vorsicht, Lars!“ gerufen und so getan, als wollte ich Tini ins Gesicht schlagen. Mit einem Schrei hat sie sich nach hinten fallen lassen und die Arme hochgerissen, um ihr Gesicht zu schützen, ist zum Sofa gekrabbelt, hat Muschi schützend vor sich gehalten und geweint. Ich habe „Entschuldigung, Entschuldigung!“ gerufen, dann habe ich sie in den Arm genommen und: „Ist ja gut.“, geflüstert.
„Du kannst es dir aussuchen“, hat Tini entschlossen gesagt und zitternd zur Tür gezeigt, „entweder Martin bleibt oder Lars geht!“
Und Martin ist geblieben.
Erst später, als wir nebeneinander im Bett lagen, sie mit dem Kopf auf meinem Arm lag und in meine Achselhöhle atmete, ist mir aufgefallen, dass wir jetzt fast gleich heißen: Martin und Martina. „Ist doch toll!“, sagte sie. „Dann müssen unsere Freunde uns nicht mehr einzeln rufen, sie können uns einfach Martini nennen.“ Sie lachte nicht, als sie das sagte. „Dann könnten wir mich auch einfach Mar nennen, oder? Das wäre noch einfacher, und weniger verwirrend.“, schlug ich vor, aber Tini hatte wohl keine Lust mehr auf Reden, sie tat so, als wäre sie eingeschlafen.
 „Martin!“, sagte Tini eines Tages, kam auf mich zu, legte eine Hand auf meinen Unterarm und sah mich ernst an. Sie sagte: „Ich liebe dich!“, und küsste mich.
Ich sagte: „Ich dich auch, Tini.“, und von da an sagte ich es oft, obwohl ich mir bald nicht mehr sicher war, dass ich die Wahrheit sagte.
Als wir uns einige Wochen kannten saß sie in meinem Wohnzimmer auf dem Fußboden und sprach davon, meine Wände apricotfarben streichen zu wollen. Nach und nach zogen zunächst Bärli, Fischli, Bambi, Hasi, Kröti und schließlich Muschi bei mir ein, und Tini kündigte ihre Wohnung, weil es sich nicht mehr lohnte, zwei Mieten zu bezahlen. Zu diesem Zeitpunkt erstrahlte nicht nur mein Wohnzimmer schon lange in einem satten Apricotton und duftete nach Ambi Pur Erdbeere, auch Schlafzimmer, Flur und Küche „Strahlen endlich Frühling aus!“, sagte Tini, und strahlte mit. Schnell begann ich den Frühling in meiner Wohnung zu hassen. Die lavendelfarbene Küche, das Schlafzimmer in der Schöner Wohnen Farbe Sky und den Flur in dezentem Honiggelb. Abgetöntes Pissgelb. Ich sehne mich nach einfachem, purem Weiß. Ein Ganz Normal Wohnen Weiß. Schlachthausfliesenweiß.

„Martin!“, sagt Tini wieder. „Wirf mir mal die Chipstüte rüber!“

Ich sehe Tini an. Sehe die Stofftiere an, die in einer Reihe auf dem terracottafarbenen Überwurf Mallorca aus dem Neckermannkatalog sitzen.
Ich nehme die Chipstüte vom Tisch und schleudere sie gezielt und mit Kraft in ihre Richtung. Tini muss aufspringen um sie zu fangen, dabei fallen Bambi und Kröti vom Sofa, Tini ruft: „Vorsicht!“, ich weiß nicht ob sie es mir, den Stofftieren oder der Chipstüte zuruft, und sie versucht die Tüte und die beiden Stofftiere gleichzeitig zu erwischen, ein ebenso vorhersehbares wie sinnloses Unterfangen, und sie erwischt nur Kröti, während die Chipstüte gegen das CD-Regal fliegt, zerplatzt und die Chips wie Konfetti zu Boden fallen und Tini und Bambi gleichzeitig auf ihren Hintern landen.
Tini holt mehrfach tief Luft, sieht mich mit rotem Gesicht und zusammengekniffenen Augen an und zischt: „Was soll das?“
Ich sehe, wie sie ihre Finger langsam bewegt, ihre Muskeln anspannt, sage: „Du wolltest doch, dass ich sie Dir zuwerfe“ und wende mich wieder dem Fernseher zu. Dann klingelt das Telefon.
„Telefon.“, sage ich.
Tini steht auf. Ich höre sie im Flur: „Martini Gruber-Hallerfeld“ sagen.
„Uns geht es gut, ja, und euch?“, sagt sie nach einer kurzen Pause.
„Oh, schade, das ist leider nichts für uns.“
„Nein, ist nicht böse gemeint, aber das mögen wir gar nicht.“
„Ja, machen wir, Tschüssi!“
Tini kommt wieder ins Zimmer und setzt sich, ohne etwas zu sagen.
 „Wer war denn das?“, frage ich.
„Unwichtig“, sagt Tini, und sieht dabei nicht mich, sondern den Fernseher an.
„Aha“, sage ich betont lässig, „und was wollte Unwichtig?“
„Nichts Besonderes“, sagt Tini, und sammelt sich ein paar Chips vom Boden auf.
Muschi fällt seitwärts um und lehnt an meinem Arm. Er glotzt mich einäugig an. Ich setze ihn an seinen Platz. Er fällt wieder um, schmiegt sich an mich. Ich atme tief durch und setze ihn wieder gerade hin. Dabei fällt Bärli vom Sofa und reißt Fischli mit. „Vorsicht!“, ruft Tini. Ich hebe Bärli und Fischli auf, setze sie hin, und stoße dabei Kröti um. „Martin!“, ruft Tini. Hektisch versuche ich die Stofftiere wieder an ihre Plätze zu setzen, es funktioniert nicht, immer wenn eines sitzt fällt ein anderes herunter. Erschöpft bleibe ich am Boden sitzen. Tini steht über mir und hält eine zusammengerollte Zeitung in der Hand. Sie hat rote Wangen, Strähnen stehen von ihrem Kopf ab. Ich greife hinter mich, ziehe Muschi auf meinen Schoß. Tini greift nach Muschis Arm. „Gib ihn her“, sagt sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Nimm ihn dir doch“, sage ich, und rucke an seinem Bein. Seine Narbe platzt auf. Kleine Kügelchen kullern aus seinem Bein auf den Teppich.
„Nein!“, ruft Tini, und zieht an Muschis Arm. Mit einem Ruck fliegt er ab, Tini fällt rückwärts gegen die Kommode, sackt zu Boden und starrt mit weit aufgerissenen Augen Muschis Arm an. Ich rucke weiter langsam an Muschis Bein. Naht für Naht trenne ich es von seinem Körper.
„Aber Martin“, heult Tini, „warum tust du das?“
„Lars!“, brülle ich und springe auf. „Ich! Lars! Hasse Muschi!“
Ich trete auf Muschi ein. Tini hält sich die Augen zu und schluchzt. Ich werfe Muschi an die Wand, springe hinterher, zerre an seinem Kopf, beiße in seinen Arm und reiße ein großes Stück Fell heraus, grabe mein Gesicht tief in seinen Bauch und schreie, so laut ich kann. Als ich mit ihm fertig bin liegen Hunderte von Muschieinzelteilen in meiner mediterranen Wohnzimmerlandschaft verteilt. Tini sitzt noch immer am Boden, hält Muschis Arm in der Hand und starrt ins Leere. Ich klopfe die Muschifetzen von meinen Klamotten und streife die Kügelchen aus meinem Haar.
„Lars geht jetzt.“, sage ich leise.
Kaum habe ich die Wohnungstür hinter mir zugezogen, höre ich einen lauten Schrei und einen dumpfen Knall. Dann noch einen. Ich bin mir sicher, dass Tini mir Muschis Plüschfreunde hinterher schleudert. Und ich weiß, dass sie deswegen nachher vor Schuld und Scham weinen wird.
Martin bleibt, Lars geht
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