Hässlich
Mein Sohn ist hässlich.
Schon vor seiner Geburt war mir klar gewesen, dass irgendetwas nicht hatte stimmen können: Mein Bauch war so groß gewesen, als hätte ich Drillinge erwartet, und anstatt, dass ich kontinuierlich zugenommen hatte, hatte sich mein Gewicht umgekehrt proportional zu meinem Bauchumfang verringert.
Nachdem er auf die Welt geholt worden war, wurde mir klar, was es gewesen war: Er hatte mich ausgesaugt, um sich regelrecht aufzupumpen: 48 cm war er kurz, dafür aber 5780 g schwer.
„Sein Kopfumfang ist ganz normal“, sagte die Kinderkrankenschwester, „für einen Einjährigen.“
Er hatte meinen dürren Körper regelrecht auseinander gesprengt, ich brauchte Monate, um mich davon zu erholen, verziehen habe ich es ihm bis heute nicht.

Nie vergessen werde ich den Moment, als ich ihn das erste Mal sah. Der Moment, der von allen Müttern als der überwältigendste in ihrem Leben beschrieben wird, dieser Moment war für mich der größte Schock meines Lebens: Ich weinte und schrie. Auch der hässliche Sohn weinte und schrie, sein Schreien glich abwechselnd dem Brüllen eines Ochsen und dem Hupen einer Fahrradhupe: „Mööh!“, schrie er, und: „Mööp!“.
Die Schwestern kicherten mitleidlos und machten heimlich Fotos.
Immer wieder schlichen Schwestern und Ärzte in mein Zimmer, um einen Blick auf meinen Sohn zu erhaschen, „Oh“, sagten sie dann, mit weit aufgerissenen Augen und fahler Gesichtshaut, oder: „Äh“.
Selbst, wenn er schlief sah er nicht niedlich aus, er wirkte vielmehr wie ein dahin geworfenes Stück Fleisch, das von einem LKW überrollt worden war. Lediglich sein Schnarchen ließ irgendwo in diesen Fleischbergen ein menschliches Wesen vermuten.

Die Ärzte haben keine Erklärung für die Hässlichkeit meines Kindes. Wir sind beide völlig gesund, es liegt keine Stoffwechselkrankheit oder sonst irgendetwas medizinisches vor, das die Hässlichkeit entschuldigen könnte.
Wir konnten auch nirgendwo Ähnlichkeiten feststellen, niemals hatte es in unseren Familien derartige Entgleisungen gegeben, im Gegenteil, unsere Familien waren sogar außergewöhnlich schön, daher auch sein Name, auf den wir uns schon Monate vor seiner Geburt geeinigt hatten: Adonis.
Wir konnten die Schwestern und Ärzte im Flur vor lachen brüllen und weinen hören, nachdem wir den Namen bekannt gegeben hatten, Adonis schrie „Mööh“ und mein Mann drückte meine Hand und sagte: „Das wird schon“, und ich weiß nicht ob er mit „das“ unseren Sohn oder die Reaktionen der anderen meinte.
Als Schwester Marianne kam, um Adonis für seine „Willkommen auf der Welt“-Karte zu fotografieren, stellte sie das vor eine bisher unbekannte Herausforderung. Adonis war einfach nicht so zu positionieren, dass er ein einigermaßen erträgliches Modell darstellte.
„Warten Sie“, sagte sie nach etwa fünfzehn Minuten vergeblichen Probierens, „ich habe eine Idee.“ Dann ging sie und kam kurz darauf mit Klebeband zurück. „Halten Sie ihn.“, sagte sie, und dann klebte und zog sie,
„Das habe ich mal im Fernsehen gesehen“, lachte sie, „das ist Lifting mit Tesa“.
Schließlich sagte sie: „So.“, und trat einen Schritt zurück. Adonis war über und über mit weißem Klebeband beklebt, er sah aus wie eine Mumie mit Loch zum Atmen, schien sich aber nicht daran zu stören, ich konnte ihn Schnarchen hören.
„Noch nicht perfekt“, sagte Schwester Marianne zufrieden, „aber schon viel besser.“
Letztendlich nahm sie Adonis schräg von hinten auf, so dass man nur seine Schulter, seinen Hinterkopf und seine Nasenspitze sehen konnte, was schlimm genug, aber immerhin auszuhalten war.
Zunächst hatte ich noch die Hoffnung, dass Adonis, wenn er denn nun schon nicht schön war, wenigstens außergewöhnlich freundlich werden würde. Leider war das ein Trugschluss, das Gegenteil ist der Fall. Mich wundert das nicht. Jedes Lächeln gefriert in den Gesichtern der Menschen, die ihn ansehen, und sie wenden sich schockiert von ihm ab. Viele fragen „Was ist das?“, die meisten sagen spontan „Ach, du Scheiße!“, anstatt „Ach, wie süß!“ zu kreischen, wie ich das bei den Kindern meiner Freundinnen beobachtet hatte.
Infolgedessen war Adonis’ erstes Wort: „Scheiße“.
Ich habe mich wirklich bemüht. Adonis trug nur die niedlichsten Babysachen, schließlich versuchte ich, ihn als Teddybären zu tarnen, all seine Mützen hatten Ohren, leider sah er damit auch nicht besser aus, vielmehr, als hätte Picasso einen fetten Bären gemalt.
Und irgendwann gab ich es einfach auf. Ich nannte es natürlich vor mir und den anderen nicht aufgeben, sondern akzeptieren. Mehr noch, ich akzeptierte seine Hässlichkeit nicht nur als einen Teil von ihm, ich begann, mich ihm in meinem Äußeren anzunähern, wurde zunehmend hässlicher, damit der Unterschied zwischen uns beiden nicht mehr so auffiel.
Ich duschte nicht mehr, trug riesige Blusen mit Blumenmustern darauf und schminkte mich grell und bunt.
Ich begann, männliche Hormone zu nehmen. Meine Stimme wurde tiefer und ich baute Muskeln auf. Adonis schien ich zunehmend sympathischer zu werden, immer öfter lachte er mich an und rief mit seiner hellen Stimme „Mööp! Scheiße! Mööp!“ und ich lachte mit meiner tiefen Stimme zurück und rief „Adonis!“.
Niemand lacht uns mehr aus.
Wenn ich Adonis durch die Straßen Hamburg-Altonas fahre und wir merken, dass wir seltsam angeguckt werden, starren wir denjenigen an, Adonis blickt mit dunklen Augen aus der Karre und knurrt, ich tätschele seinen Kopf - und knurre auch. Man kann die Verwirrung in den Augen der Menschen sehen, einmal hörte ich eine Frau verängstigt flüstern: „Warum darf das mit dem durch die Straßen fahren“, es war eine von diesen Müttern, die ich mit einem normalen Kind auch geworden wäre, und ich rief: „Adonis, fass die Frau mit dem 700€-Kinderwagen!“, sie kreischte auf, warf ihre Bionade in unsere Richtung und flüchtete in den nächsten Biosupermarkt.

Mittlerweile sind wir in ganz Hamburg bekannt.
Man nennt uns „Die Transe mit Hund“.
Niemand greift uns mehr an. Sogar Jugendgangs machen einen Bogen um uns.
Und wenn ich andere Mütter, hübsche Mütter mit hässlichen Kindern in Bärchenkostümen sehe, dann hoffe ich inständig für sie und die Kinder, dass sie auch eines Tages dorthin kommen werden, wo wir jetzt sind:
Wir haben viel Geld, da die ganzen Ausgaben für Schönheit und Statussymbole wegfallen und genießen das Leben.
Und ich bin, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Glücklich.
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